Von unserem Korrespondenten
Man muss sich die Szenerie wie ein Kammerspiel der Macht vorstellen, nur dass die Akteure diesmal keine graumelierten Berufspolitiker waren, sondern Schülerinnen und Schüler, die am 27. April 2026 am eigenen Leib erfuhren, was es heißt, Mehrheiten zu organisieren. Das Projekt trug den programmatischen Titel „Der Landtag sind wir“. Doch hinter der pädagogischen Fassade verbarg sich eine Lektion in Realpolitik, die mancherorts schmerzhafter war als jede Mathematikstunde.
Die Geografie der Macht
Die Architektur des Schulgebäudes wurde an diesem Montag kurzerhand umgewidmet. Die Aula, sonst Ort für verstaubte Reden oder feierliche Zeugnisübergaben, mutierte zum Plenarsaal, zum Zentrum des Geschehens. Vier Klassenzimmer wurden zu Fraktionsräumen deklariert – jenen abgeschirmten Zirkeln, in denen die eigentliche politische Arbeit geschieht, bevor sie im Rampenlicht des Plenums theatralisch inszeniert wird.
Dazwischen: Ausschussräume. Orte des Kompromisses, in denen das Ideal an der harten Kante der Realität geschliffen wird.
Rollenspiele ohne Kostümzwang
Das Los entschied über politische Karrieren innerhalb der Zehntklässler, die als einziger Jahrgang an diesem Tag das politische Parkett betraten. Per Zufallsprinzip fanden sich die Schülerinnen und Schüler in vier Lagern wieder:
-
Die Konservativen (bewahrend, skeptisch gegenüber schnellen Sprüngen)
-
Die Sozialen (mit dem Fokus auf Ausgleich)
-
Die Ökologischen (die Zukunft immer im Blick)
-
Die Freien (die Unwägbaren im parlamentarischen Getriebe)
Besonders charmant: Die Jugendlichen schlüpften in fremde Biografien. Da saß plötzlich ein Jugendlicher als „Frau Braun“ am Verhandlungstisch, eine 59-jährige Mathematikerin aus Altötting, die Zahlen mehr vertraut als flammenden Appellen. Es ging nicht darum, was man selbst wollte, sondern was die eigene Rolle – und die Fraktionsdisziplin – verlangte.
Das zähe Ringen um die Einigung
Wer glaubte, Politik sei ein gemütliches Kaffeekränzchen, wurde eines Besseren belehrt. Die Einigungsphasen entpuppten sich als das, was sie in Berlin oder München eben auch sind: Knochenarbeit.
„Es ist wahnsinnig anstrengend, alles erst im Detail zu bereden, nur um dann in der Fraktion festzustellen, dass dort wieder ganz andere Mehrheiten herrschen“, war der Tenor auf den Fluren unter den Schülerinnen und Schülern.
Es war das ewige Pendeln zwischen dem machbaren Kompromiss im Ausschuss und der ideologischen Reinheit in der eigenen Gruppe. Ein Prozess, der schlaucht, der Nerven kostet und der den Zeitplan immer wieder an den Rand des Kollapses brachte.
Das Wunder der Mehrheitsbildung
Doch am Ende passierte das, was in der Politik oft wie ein Wunder wirkt, aber eigentlich das Ergebnis harter Verhandlungstätigkeit ist: Es gab einen gemeinsamen Beschluss.
Die anfängliche Skepsis wich einer Mischung aus Erstaunen und Erschöpfung. Die Schülerinnen und Schüler hatten sich gefunden, trotz der Steckbriefe, trotz der gegensätzlichen Interessen. Die Erkenntnis des Tages? Demokratie ist nicht das laute Brüllen der eigenen Meinung, sondern das leise Handeln um den nächsten Halbsatz.
Alles in allem war dieser 27. April eine höchst lehrreiche Erfahrung. Wer dieses Projekt durchlaufen hat, wird künftig die Nachrichten aus den echten Parlamenten mit anderen Augen sehen. Man weiß nun: Bevor ein Gesetz verkündet wird, ist jemand wie die Mathematikerin aus Altötting durch das Tal der Tränen der Abstimmungsrunden gegangen. Und das ist – bei aller Anstrengung – das Beste, was wir haben.